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Gerda Weiler wurde am 24.12.1921 in
Berlin geboren. Obwohl sie eine sehr gute Schülerin war, sollte
sie im Gegensatz zu ihrem Bruder keine weiterführende Schule
besuchen. Schließlich konnte sie sich doch mit Hilfe ihrer
Lehrer gegen den Widerstand ihres patriarchalen Vaters durchsetzen.
Nach dem Abitur heiratete sie und bekam eine Tochter, die nach 1
1/2 Jahren starb. Um bei ihrem Mann zu sein, der Soldat war, reiste
sie während des Krieges durch Deutschland, geriet in die Kriegswirren
der zusammenbrechenden Fronten und fand schließlich zu ihren
Eltern, die inzwischen in Österreich lebten. Gerda Weiler wurde
in dieser Zeit mit männlicher Sexualität konfrontiert,
Erlebnissen, die ihre spätere Arbeit sehr beeinflusst haben.
Ihr Mann starb in russischer Gefangenschaft.
In der Nachkriegszeit strandete Gerda
Weiler in einem kleinen Dorf in Hessen, ließ sich in Frankfurt
zur Lehrerin ausbilden und wurde in diesem Beruf tätig, der
sie und ihre inzwischen geborene zweite Tochter ernährte. 1951
heiratete sie ein zweites Mal und gebar drei weitere Kinder. Gemeinsam
mit ihrem Mann führte sie ein Hotel in Todtnau. Später
gaben die Eheleute das Hotel auf und siedelten nach Breitnau/Hinterzarten
um.
Gerda Weiler begann in Freiburg Psychologie
zu studieren. Einen Abschluss versagte sie sich, da die Betreuung
der vier Kinder dies nicht zuließ. Sie war dann in der evangelischen
Erwachsenenbildung tätig. Seit 1975 gehörte sie der Freiburger
Frauenbewegung an. 1977 gründete sie gemeinsam mit zwei anderen
Frauen den Verein "Frauen lernen gemeinsam". Es handelte
sich dabei um eine Art Volkshochschule für Frauen mit einem
auf Frauen ausgerichteten Konzept ohne Lehrer- und Schülerverhältnisse
in Form des gemeinsamen Lernens. Mit Hilfe dieses Projektes sollte
feministisches Gedankengut auch solchen Frauen zugänglich gemacht
werden, die der Frauenbewegung und erst recht dem Frauenzentrum
skeptisch gegenüber standen. Die Stadt lehnte jede finanzielle
Unterstützung ab. Die Arbeit des Vereins erfolgte ehrenamtlich.
Als feministisches Bildungsprojekt war "Frauen lernen gemeinsam"
das erste in der Bundesrepublik und Vorbild für Gründungen
in anderen Städten. 1984 löste sich der Verein auf (siehe
Margot Poppenhusen: Viel bewegt - nichts verrückt? 20 Jahre
Frauenbewegung in Freiburg, Jos Fritz Verlag. In den Quellen führt
Frau Poppenhusen auch Gerda Weiler mit zwei Büchern an.)
Schritt für Schritt begann Gerda
Weiler sich jetzt in die Matriarchatsforschung einzuarbeiten. Sie
fing mit der ägyptischen Kultur an, wendete sich den frühen
Kulturen Kleinasiens zu und stieß dann auf die Bibel. Sie
wurde zur bedeutendsten Matriarchatsforscherin in Deutschland neben
Heide Göttner-Abendroth. In einer Zeit, in der es der Frauenbewegung
noch um Gleichberechtigung und Gleichstellung von Männern und
Frauen ging, wandte sich Gerda Weiler den Ursprüngen zu und
entdeckte die Andersartigkeit von Kulturen, in denen weibliche Lebenszusammenhänge
bestimmend und die weibliche Kultmacht im Dienst der großen
Göttin prägend war.
Ihr erstes Buch zu dem Themenkreis
erschien 1984 im Verlag Frauenoffensive unter dem Titel "Ich
verwerfe im Lande die Kriege" - Das verborgene Matriarchat
im Alten Testament. In ihm führte sie die Erzväter - und
Familiengeschichten auf altorientalische Ritualtexte und Mythen
zurück, die der Göttin als Himmelskönigin gewidmet
waren. Der spätere monotheistische Vatergott war zu Zeiten
der Großen Göttin der Sohn-Geliebte und im Gegensatz
zur Himmelskönigin sterblich. In ihrem Buch deckte Gerda Weiler
kenntnisreich und mit schöpferischer Phantasie die Spuren der
ehemaligen Göttin -Verehrung auf, die durch die Veränderungen
und Umschreibungen im Laufe der Entwicklung des Judentums nicht
vollständig verwischt werden konnten. Diese Interpretation
brachte Gerda Weiler viel Kritik ein, insbesondere den Vorwurf des
Antijudaismus sowie Antisemitismus.
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Nach einer eingehenden Analyse dieser Vorwürfe entdeckte
Gerda Weiler nicht nur deren patriarchale Missdeutung, sondern
auch noch Überbleibsel eigener patriarchaler Denkvorgaben,
die sie mit ihrem Buch aufdecken und hinter sich lassen
wollte.
Hilfreich war ihr dabei die Auseinandersetzung mit der Archetypenlehre
von C.G. Jung und Erich Neumann, von vielen Frauen hoch
geschätzt, deren patriarchale Wurzeln sie in ihrem
Werk "Der enteignete Mythos" 1985 offen legte
und als männlich-patriarchale Projektionen auf das
Weibliche klassifizierte (Erweiterte Neuauflage 1991 bei
Campus, jetzt Ulrike Helmer Verlag).
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Bemerkenswert konsequent formulierte
daraufhin Gerda Weiler die Einsichten und Erkenntnisse ihres ersten
Buches um und veröffentlichte es mit einem ausführlichen
Nachwort zu den Kritiken 1989 unter dem Titel "Das Matriarchat
im Alten Israel" bei Kohlhammer. Eine hervorragende Analyse
der Fallstricke patriarchaler Denkmuster.
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In einem kleinen Einfrauen-Verlag in der Schweiz erschien
1990 eine weitere biblische Spurensuche unter dem Titel
"Ich brauche die Göttin" - Zur Kulturgeschichte
eines Symbols. Sie untersuchte dazu die Geschichte von Juda
und Tamar und zeigte auf, dass sich hinter all den Ungereimtheiten
dieser Geschichte der Mythos der Palmengöttin mit ihrem
Ziegenbock verbirgt. Die Spuren dieses Symbols - die Palmengöttin
und ihr Bock - verfolgte sie weiter durch die Jahrhunderte,
und fand sie u. a. auch in der Vorhalle des Freiburger Münsters
in der Gestalt der Voluptas mit einem Ziegenfell um die
Schultern.
Gerda Weiler war in ihrem Werk immer innovativ.
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In ihren beiden letzten Büchern
"Eros ist stärker als Gewalt" und "Der aufrechte
Gang der Menschenfrau", einer feministischen Anthropologie,
erschienen im Ulrike Helmer Verlag, wandte sich Gerda Weiler unter
anderem dem Thema Biologie zu. Die Biologie als Ansatz für
eine Auseinandersetzung mit dem Männlichen und dem Weiblichen
war in der Frauenbewegung bisher verpönt. Sie entkräftete
den Mythos von der angeblichen Dominanz des Männlichen, das
nach der Zeugung für den Fortbestand des Lebens relativ unwichtig
ist und erst da seine Bedeutung bekommt, wo es sich in die Aufzucht
des Nachwuchses mit einbindet. Gerda Weiler versuchte nachzuweisen,
dass die kulturellen Schöpfungen der Frühgeschichte nicht
das Werk des Mannes sind, sonders auf den Beiträgen der Frau
zur Menschwerdung fußen. Der aufrechte Gang, die menschliche
Sprache sowie die Befreiung ihrer Sexualität von der Brunst
sind Kulturleistungen der Frau.
Der zweite Band ihrer feministischen
Anthropologie erschien übrigens erst nach Gerda Weiler Tod,
so dass Gerda Weiler an der Diskussion über ihre neuen Gedanken
nicht mehr teilnehmen kann.
Aufgrund ihrer Bücher war Gerda
Weiler im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Sie reiste durch
die ganze Bundesrepublik und die Schweiz zu Vorträgen, insbesondere
an evangelische Akademien und feministische Einrichtungen. An der
Universität Berlin hatte sie einen Lehrauftrag. Auch im Hörfunk
war sie präsent (z.B. in der Sendung "Aula" und im
Schulfunk). Im österreichischen Fernsehen trat sie zusammen
mit Luisa Francia auf. Immer wieder erschienen Buchbesprechungen
von ihr, insbesondere über Bücher von Frauen in verschiedenen
Zeitschriften.
Bei aktuellen Anlässen nahm sie
Stellung z.B. in Form von Leserbriefen (auch in der Badischen Zeitung).
Die Anregung für die Tafel zur Erinnerung an die Hexenverfolgung
in Freiburg kam von ihr. Eine andere Anregung war die Gestaltung
eines Labyrinths als altem matriarchalem Symbol für den neuen
Stadtteil Rieselfeld (in Zürich bereits an zwei Stellen verwirklicht).
Mit anderen Frauen veranlasste sie,
dass die "Dinnerparty" von Judy Chicago in Frankfurt ausgestellt
werden konnte. Zu diesem Fest für die Ausstellung, an dem viele
bedeutende sich für die Sache der Frauen engagierende Frauen
teilnahmen, wurde auch Gerda Weiler eingeladen. Sie musste eine
der 39 Frauen, für die die Gedecke bestimmt waren, darstellen.
Ich habe keine Frau kennen gelernt
mit solch einem Wissensdurst und einer derartigen Arbeitsenergie
wie Gerda Weiler. So wie andere Frauen Liebesromane verschlingen,
las Gerda Weiler wissenschaftliche Werke. Nur so konnte sie sich
als Autodidaktin das Wissen aneignen, da sie in ihren Büchern
verarbeitete. Noch einige Tage vor ihrem Tod im Krankenhaus las
sie trotz aller Schmerzen und diskutierte mit mir über die
Frage, ob der Mond männlich oder weiblich sei.
Ich denke, dass es so viele bedeutende
Frauen in Freiburg und Umgebung nicht gibt und die Stadt Freiburg
sich sehr wohl glücklich schätzen kann, sich mit dem Namen
von Gerda Weiler zu schmücken.
Freiburg, 26.09.95
gez. Heide Pasquay, Rechtsanwältin
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